Die Evolution des Grillens

Vom Geistesblitz zum Hightech-Gerät

1 Mio. v. Chr.

Die bisher ältesten Überreste einer Feuerstelle befinden sich in Südafrika. Forscher fanden Spuren eines kontrollierten Lagerfeuers vor der Wonderwerk-Höhle. Es wird vermutet, dass die frühen Menschen das Feuer nicht selbst entfachten, sondern etwa durch Blitze entstandene Flammen „einfingen“ und aufbewahrten. Das Grillen ist die Wiege unserer Zivilisation: Gebratenes Fleisch war leichter zu verdauen und hat auch die Evolution des Gehirns vorangetrieben. Auch ein neues Sozialverhalten könnte durchs Grillen entstanden sein. Nicht nur das gemeinsame Essen am Feuer, sondern auch die Aufgabenteilung in Jagen einerseits und das Erhalten des Feuers auf der anderen Seite hat das Leben unserer Vorfahren verändert.

30.000 v. Chr.

Die Menschen entdecken die Kunst des Feuermachens durch das Aufeinanderschlagen bestimmter Steine. Die Mischung aus Schwefelkies, Pyrit oder Markasit lässt Funken entstehen, die leicht brennbares Material entzünden können. Unsere Vorfahren rösten ihr frisch erlegtes Jagdgut und andere Lebensmittel über offenen Flammen. Den Beweis erbringen versteinerte Fleischreste, die Forscher an der Holzkohle alter Feuerstellen entdecken. Das Grillen erfolgt entweder direkt auf der Glut oder durch Aufspießen des Grillguts auf Stöcke oder Speere. Später werden Gruben gegraben, um die indirekte Hitze zu nutzen und sogar Suppe zu kochen.

4. Jahrtausend v. Chr.

Ein Mann verunglückt bei der Durchquerung der Ötztaler Alpen. 1991 bergen Forscher die Gletschermumie. „Ötzi“ führt ein Gefäß aus Birkenrinde mit sich, in dem er zu Lebzeiten glühende Holzkohle aufbewahrte. Dadurch war er zu jeder Zeit in der Lage, ein Feuer zu entfachen. Auf den Speiseplänen unserer Vorfahren stehen vor 6.000 Jahren Bisons, Elche und Nashörner. Bei den Ägyptern gelten Hyänen und Krokodile als Delikatessen. In Südamerika grillen die Menschen, indem sie Holzroste mit Wasser tränken und diese über das Feuer legen, um Fleisch darauf zuzubereiten – das Plank Grilling wird geboren.

4. Jahrhundert n. Chr.

Die Römer beginnen, eigens angefertigte Grillroste zu verwenden und bereiten die ersten Bratwürste zu. Diese lassen sie sich von ihren Sklaven servieren. Das Grillen ist eine Domäne der Reichen, denn das teure Fleisch kann sich sonst kaum jemand leisten. Es wird angenommen, dass auf diese Weise das Grillen nach Europa kam.

1404

In Thüringen wird die Rostbratwurst erstmals urkundlich erwähnt. Auch Nürnberg entwickelt ab dem 15. Jahrhundert eine eigene Rostbratwurst-Tradition. Gegart wird sie, wie der Name verrät, auf einem Grillrost. Die Begeisterung der Deutschen für das Grillen hält sich jedoch in Grenzen – zumindest vorerst.

16. Jahrhundert

Argentinische Gauchos spannen aufgeschnittene Schafe, Ziegen oder Rinderteile auf Eisenkreuze und lassen sie darauf langsam über einem Bodenfeuer garen. Diese Methode wird von den Rinderhirten Argentiniens noch heute angewendet. Auch aus China sind ähnliche Grillmethoden bekannt.

17. Jahrhundert

Französische Trapper reisen durch Nordamerika und legen gleich ganze Bisons auf den Grill. Der endgültige Durchbruch der Garmethode bleibt den jungen Vereinigten Staaten jedoch noch verwehrt.

1930er

Zur Zeit der Großen Depression erlangt das Grillen in den USA neue Popularität. Vor allem die ärmeren Gesellschaftsschichten entdecken diese Zubereitungsart für sich, bei der sie mit der ganzen Familie um das Feuer sitzen können. Gegrillt wird hauptsächlich auf Ziegelsteingrills, die jedoch unbeweglich sind und kein gutes Kontrollieren der Flammen ermöglichen.

1952

Der Amerikaner George Stephen ebnete den Weg. Er schnitt eine Schiff sboje entzwei, konstruierte ein 3-beiniges Gestell und bohrte Luftlöcher – fertig war er, der erste Kugelgrill. Aus dieser Innovation ist eine neue Tradition entstanden. Stephen war damals bei Weber angestellt, einem der heute bekanntesten Grillhersteller der Welt.

1950er

Das Grillen erlebt dank der Erfi ndung des Kugelgrills in den USA einen wahren Boom. Es steht für ein besonderes Lebensgefühl und das Genießen der Freiheit. Nicht mehr nur die unteren Gesellschaftsschichten erfreuen sich an der Zubereitungsmethode, auch die reiche Bevölkerung feiert ausgelassene Grillpartys. Auch heute noch gehört es in den USA zur Tradition, am Tag der Unabhängigkeit mit der Familie zu grillen.

1950er-1970er

Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg sorgt dafür, dass das Grillen auch in Deutschland extrem populär wird. Der Trend passt sich dem lockeren Zeitgeist der 70er Jahre an. Statt die Gastgeberin in die Küche zu verbannen, kochen und essen die Gäste nun gemeinsam – ganz ungezwungen. Der Holzkohlegrill in Kessel- oder Kugelform bleibt das Modell der Wahl.

1980er-1990er

Die deutsche Grillküche wird immer vielfältiger. Exotische Rezepte erweitern den Horizont und lassen einige kulinarische Experimente zu. Das Grillen im Freien wird selbstverständlich und bekommt einen Eventcharakter. Ganze Themenpartys werden um den Grill herum veranstaltet. In den 80er Jahren wird der Gasgrill populär. Dieser erlaubt eine vereinfachte Temperaturregulierung und verhindert Rauchbildung.

2000er

Moderne Elektrogrills kommen in Deutschland auf den Markt. Das Grillerlebnis ist nun vom Wetter unabhängig und bedarf keiner größeren Vorbereitung mehr. Ob beim Camping oder in der eigenen Wohnung – der Grill ist überall dabei.

 

Heute

Das Grillen gehört, vor allem im Sommer, zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Während es anfangs lediglich Holzkohlegrills auf dem Markt gab, steht den Grillfans heute zusätzlich eine Vielzahl von Elektro- und Gasgrills sowie Smoker oder Pellet-Grills zur Verfügung. Der Grill wird regelrecht zu einer multifunktionalen Outdoor-Küche, dank innovativer und austauschbarer Grillrost-Einsätze, Seitenkocher, Rotisserie oder sonstigem Zubehör. Dem Verlangen nach perfekt angebratenen Steaks kommen Funktionen wie Sizzle-Zone oder Sear Station nach. Oder man hat noch einen Beefer parat. Das weniger als 50cm hohe Gerät, das aussieht wie eine Kaff eemaschine, heizt dem Fleisch mit bis zu 800 Grad ordentlich ein. So lässt sich ein Steak einfach und kontrollierbar mit einer perfekt karamellisierten Kruste veredeln. Erste Grills, die über Apps, Sprachsteuerung und Touchscreen bedient werden können, gibt es ebenfalls bereits auf dem Markt. Zudem verleiht so manch edles Design dem einen oder anderen Grill den Charakter eines Statussymbols. Nur eins dürfen die Grillhersteller bei all den Innovationen nicht vergessen: die Bedeutung des gemeinsamen Grillens und die Experimentierfreude, die schon unsere Vorfahren auslebten. Wir wollen das Fleisch riechen, die Hitze spüren und zusammen mit Freunden einfach nur grillen. Dieses Gefühl kann nicht automatisiert werden – ansonsten zieht es uns wieder zurück an die Feuerstelle.

 

Dieser Artikel erschien in unserer Meat In #2

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